Transzendentale Psychologie und höheres Bewusstsein

Lösung kristallisierter Gedankenbilder

 

Auf unseren höheren Seminaren erkennen wir die Ursprünge des Denkens, in der Wechselwirkung zur physischen Realität, also dessen realitätsbildenden Faktoren. Es zeigt sich die Mythologie der archaischen Gedankenformen die, unabhängig vom Übertragungsweg durch die Völkerwanderung (Migration) existieren. Die bewusste Realisierung dieser Gedankenformen wird durch eine auf dem Seminar zu erlernende Methode mit transzendierender Funktion ermöglicht. Diese Funktion wird transzendent genannt, weil sie den Übergang von einer seelischen Verfassung in die eine andere, durch wechselseitige Konfrontation von Gegensätzen ermöglicht. Hierbei machen wir uns die ausgleichende (quasi homoestase) Funktion des Unbewussten dienstbar. Damit wird der „bilderschaffende Geist“ bewusst, die Ursache aller Gedankenformen, die den Voraussetzungen (a priori Gegebenheiten) der unmittelbaren Wahrnehmung ihre Gestalt geben.

Transzendentale Psychologie ist die Art sich mit den unbewussten Prozessen zu beschäftigen und festzustellen, dass sich in unserem Unterbewusstsein ein ausgleichender, kompensatorischer Prozess abspielt, der von der Natur dazu vorgesehen ist, die Mängel und Verworrenheit in unserem Bewusstsein auszubalancieren. Bei den auf unserem Seminar angewandten Techniken werden die Funktionen des Unterbewusstseins bewusst gemacht. Damit bewirken wir eine Veränderung im Bewusstsein. Dadurch wird ein neues Bewusstseinsniveau erreicht und da die weitere Betrachtung der unbewussten Vorgänge immer neue Erkenntnisse hervorbringt, nennen wir dies mit Recht eine Methode zu geistigen Evolution.

Der eigentliche Prozeß des unbewussten Ausgleiches hängt ganz von der Verfassung der unbewussten Psyche und der in ihr herrschenden Wertvorstellungen ab. Eine Überführung der unbewussten Denkinhalte in das Bewusstsein kann nur mit Hilfe geistiger Übungen bewerkstelligt werden. Wenn sie an die Oberfläche gebracht werden, offenbaren sie Denkinhalte, die einen auffallenden Gegensatz zur allgemeinen Richtung der bewussten Gedanken und Gefühle bilden. Das zeigt deren ausgleichende Aufgabe, denn diesen Effekt sollen sie haben.

Die Erscheinung enthält Konfliktstoff, da die bewusste Einstellung der Konfrontation von scheinbar inkompatiblen und abweichenden Informationen Widerstand entgegensetzt. In den Jahren unserer Seminartätigkeit förderten wir die erstaunlichsten Beispiele solcher Gedankenmuster von gänzlich fremden und unannehmbaren Denkinhalten ans Tageslicht.

Es sind häufig die selben Bilder, die man in der Mythologie und bei anderen archaischen Gedankenformen findet. Unter normalen Bedingungen regt jeder Konflikt die Psyche zu einem ausgleichenden Prozeß an, ähnlich der Balance (Homeöostase) gewisser Körperfunktionen, damit ein seelisches Gleichgewicht erhalten bleibt.

Gewöhnlich entscheidet beim Ungeübten das Unterbewusstsein den jeweiligen Standpunkt. So ist er dominiert durch die ihm anerzogenen, vererbten oder über die Traditionen vermittelten Werte. Diese Entscheidung wird vom Bewusstsein angenommen als sei es eine bewusste vorurteilsfreie Entscheidung. Anders verhält es sich, wenn in der Anwendung unserer Methode der ausgleichende Prozeß bewusst gemacht und der Konflikt ausgetragen wird. In der hier beschriebenen Methode ist vorgegeben, dass die scheinbar nicht passenden, inkompatiblen eben kontroversen Denkinhalte des Unbewussten nicht wieder verdrängt werden, sondern, dass der Konflikt angenommen und konfrontiert werden soll. In dem Moment, in dem dieser Denkinhalt die Bewusstseinsschwelle durchbricht erscheint zunächst keine Lösung möglich, trotzdem wird das gewonnene Bild zweier Gegensätze dem Bewusstsein vorgeführt. Im Verlauf der Übungen werden die Übereinstimmungen (Affinitäten) geprüft, in dem Situationen erinnert werden, die als Bezugsrahmen dieser Denkinhalte zu erkennen sind. Hierbei wird das immer wieder gleiche Konzept des automatischen Ausgleiches erkannt.

Das Bewusstsein wird so mit einem neuen Aspekt der Psyche konfrontiert, womit der eigendynamische Faktor der Wiederholung erkannt wird. Eine neue Konfrontationsstufe taucht in der Frage auf, nämlich wie und in was das erkannte Denkmuster zu wandeln ist, um zukünftigen ähnlichen Ereignissen zu begegnen.
Auch das können wir, ähnlich wie bei den geistigen Übungen des Ostens, eine Lenkung von Energie, oder sogar Änderung von komplexen unsere Realität fügende Vorstellungen nennen. Dieser Vorgang wird fortgesetzt, bis der ursprüngliche Konflikt in befriedigender Weise modifiziert wurde. Dies führt in einen Zustand von Ausgeglichenheit und Harmonie und auf diese Weise sind wir wieder die Schöpfer unseres Schicksals.

Es ist zugleich ein Prozess und eine Methode. Die Produktion von unbewusstem Ausgleichen ist ein spontaner Prozeß; die bewusste Realisierung ist eine Methode mit transzendierender Funktion. Wie eingangs erwähnt wird diese Funktion deshalb transzendent genannt, weil sie den Übergang von einer seelischen Verfassung in eine andere, durch wechselseitige Konfrontation von Gegensätzen ermöglicht.

Diese Beschreibung skizziert die transzendente Funktion nur, mehr davon auf dem Seminar. Ich mußte auf diese Methode aufmerksam machen, weil sie den Weg aufzeigt, auf dem wir zu jener Art von sonst unbewusstem Seelenleben Zugang finden, auf den sich unsere Seminare beziehen. Es ist der bilderschaffende Geist gemeint, die Ursache aller Grundformen die der bewussten Wahrnehmung ihren besonderen Charakter geben. Diese Formen sind der unbewussten Psyche eigen; sie sind ihre strukturellen Elemente und nur durch sie kann erklärt werden, warum mythologische Motive (Archetypen) mehr oder weniger überall erscheinen, sogar dort, wo die Völkerwanderung (Migration) als Übertragungsweg sehr unwahrscheinlich ist.

Träume, Phantasien und Psychosen bringen Bilder hervor, die allem Anschein nach identisch sind mit mythologischen Motiven, von denen die betreffenden Menschen keinerlei Kenntnis hatten, nicht einmal indirekte Kenntnis durch Redewendungen oder durch die symbolische Sprache der Bibel. Viele Menschen finden solche Behauptungen unglaubhaft, aber entweder kennen sie die rudimentäre Psychologie nicht oder sie wissen nichts von den Resultaten psychologischer Forschungen. Ohne Zweifel weist die Psychologie des Unbewussten das Vorhandensein von archaischen Material nach. Was auch immer die Struktur des Unbewussten sein mag, soviel ist sicher: es enthält eine große Anzahl von Motiven oder Formen von archaischem Charakter, die im Prinzip identisch sind mit den Grundideen der Mythologie und ähnlichen Gedankenformen.

Weil das Unbewusste die geistige Ursache ist, haftet ihm die Qualität des Schöpferischen an, es ist der Geburtsort von Gedankenmustern, so wie unsere Darstellung es von dem universalen Geist annimmt.

Da wir dem Unterbewusstsein keine bestimmte Form zuschreiben können, scheint die Behauptung, dass der All – Geist ohne Form, und doch der Entstehungsort aller Formen sei, gerechtfertigt. Da die Inhalte des Unbewussten zu keiner bestimmten Zeit gehören, also scheinbar ewig sind, geben sie ein eigenartiges Gefühl von Zeitlosigkeit, wenn sie bewusst realisiert werden. Wir finden ähnliche Feststellungen in nahezu allen Kulturen bestätigt. So bedeutet das australische Wort „aljira“ z. B. zugleich „Traum“ und „Geisterland“ und die „Zeit“, in welcher die Vorfahren lebten und immer noch leben. Es ist, wie die Ureinwohner sagen, die „Zeit als noch keine Zeit war“. Dies sieht aus wie eine Offensichtliche Konkretisierung und Projektion des Unbewussten mit den ihm charakteristischen Qualitäten, seinen Traummanifestationen, seinen urtümlichen Gedankenformen und seiner Zeitlosigkeit. Eine introvertierte Einstellung, bei welcher die Betonung nicht auf der äußeren Welt (der Welt des Bewusstseins), sondern auf dem subjektiven Faktor (dem Hintergrund des Bewusstseins) liegt, ruft daher notwendigerweise die charakteristischen Manifestationen des Unbewussten hervor, nämlich archaische Gedankenformen und bringt zudem „historische Gefühle“ von Unbestimmtheit, Zeitlosigkeit und Einheit hervor.

Das besondere Gefühl von Einheit ist eine typische Erfahrung bei allen Formen von Mystik und kommt von der allgemeinen Verknüpfung der Denkinhalte, die sich mit der Abschwächung des Bewusstseins verstärkt. Die fast unbeschränkte Vermischung von Bildern in Träumen, wie auch in den Produkten des Denkens, zeigen deren unbewussten Ursprung. Im Gegensatz zu der klaren Unterscheidung und Differenzierung der Formen im Bewusstsein, sind die unbewussten Inhalte äußerst unbestimmt und vermischen sich daher leicht. Wenn wir versuchten, uns einen Zustand vorzustellen, in welchem nichts deutlich ist, würden wir sicherlich das Ganze als Eines empfinden und die Trennung der Dinge nach Sinn und Zweck aufgeben. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die eigenartige Empfindung von Einheit von dem unterschwelligen Wissen um den All- Zusammenhang im Unbewussten herrührt. Durch die Anwendung der Methode zur transzendenten Funktion gewinnen wir nicht nur Zugang zum „Einen Geist“ (Gott), wir lernen auch verstehen, wie die Selbstbefreiung funktioniert.

Wenn es einem durch innere Schau (Introspektion) und bewusste Realisierung von sonst mechanisch ablaufenden, unbewussten Kompensationen möglich wird, den psychischen Zustand umzugestalten und so die Lösungen von schmerzlichen Konflikten zu erreichen, scheint man berechtigt von „Selbstbefreiung“ zu sprechen. Trotz dieser Aussicht ist die Selbstbefreiung nicht ohne weiteres zu realisieren, denn wir können diese unbewussten Kompensationen nicht alleine mit einem Willensakt an die Oberfläche der direkten Wahrnehmung bringen. Es braucht dazu eine spezielle Methode und die richtige Atmosphäre, so wie wir es auf unserem Seminar haben.

Dem kritischen Verstand erscheint es auch zunächst unbefriedigend den Dualismus aus den polaren Denkmustern, dem Charakter des Ausgleichens, als Entscheidungsbasis anzunehmen. Unsere Philosophie gibt auf diesen höchst wichtigen Faktor der Polarität einige symbolische Hinweise. Sie sagt, dass ein Optimum mit einer Entwicklung auf dem Weg der Mitte, oberhalb dieser polaren Gegensätzen zu erreichen ist. Sie sagt zudem, dass die Modifikationen dieser „Denkmodelle“ am Vorteilhaftesten entweder in einer Finalbildprojektion oder in der Erkenntnis eines formlosen, d. h. raum- und zeitlosen, Zustandes formuliert werden.