Die östliche Psychologie im Vergleich zur westlichen Psychologie – Der Unterschied zwischen östlichem und westlichem Denken.

Analysen vieler persönlicher Gespräche mit Meinungsbildnern und religösen Größen des sog. Ostens zeigten, dass es wichtig ist, die Unterschiede in der Denkungsart der verschiedenen Kulturen zu verstehen, um ein wirkliches Verständnis für die Denkinhalte des Ostens zu entwickeln. Es zeigte sich, dass wörtliche oder ungenügende Übersetzungen, die durch den westlichen Verstand gefiltert werden, ein anderes Bild, einen anderen Sinn ergeben, wie es im Ursprungsland vorgegeben war. Vielfach ist es so, dass wesentliche Elemente geistigen Wissens und die daraus abgeleiteten Anwendungen, z.B. der Staatsphilosophie, in der Ethik des Miteinanders, in der Gestaltung der Gesetze, in der Medizin, kurz alle Bereiche in denen der Westen vom Osten lernen und aneinander partizipieren könnte, falsch oder ungenügend verstanden werden. Deshalb erscheint es von besonderer Wichtigkeit, und zum besseren Verständnis der Standpunkte beider Seiten notwendig, die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Unterschiede in den Anschauungen und der Auffassungsgabe zu lenken, damit der jeweilige Wahrnehmungsfilter angepasst und damit entzerrt werden kann. Und es gibt noch einen beachtenswerten Aspekt dieser Gegenüberstellung. Anhand dieses Vergleiches erfahren wir etwas über die Eigenart unseres eigenen Denkens. Diese Vorgehensweise dürfte insbesondere denen entgegen kommen, welche der Überzeugung sind, dass ein bestimmtes Wissen bei uns verloren gegangen ist, oder ausgelöscht wurde und die östliche Weisheit und Tradition dieses Wissen für uns bereithält, um es wieder in unser Denken zu integrieren. Mit der so gewonnenen Einsicht in das, wie sind die östlichen Begriffe zu verstehen, kann der westlich Denkende die für ihn bislang fremde Begriffswelt des Ostens so interpretieren, wie sie tatsächlich aus ihrem Ursprung und aus der Tradition überliefert wird.
Denn wenn dieses Wissen augenscheinlich nicht in unserem bewussten Denken existiert, sondern nur noch als eine Ahnung in unserem Unter-Bewusstsein, ist ein wirkliches Verständnis und nicht die wörtliche Übersetzung von größter Bedeutung. Sonst wollte jeder nur das verstehen, was er ohnehin zu wissen vorgibt und interpretierte das, was er zu verstehen glaubt, nur in seine bisherige Weltsicht.
Deshalb ist die Unterscheidung zwischen östlichen und westlichen Denkweisen und die daraus resultierenden Anpassungen des bisherigen Verständnisses der Schlüssel mit dem wir uns die Weisheit des Ostens erschließen können und damit das uns verborgen erscheinende Wissen zurück erobern können. Die Schar von Übersetzern sollten sich als erstes dieser Aufgabe widmen, den nur durch diese Begriffsklärung ist das jeweilige Publikum zu erreichen. Vor jedem Versuch sich verständlich zu machen, sollten jene ihr Publikum auf diese Unterschiede einstimmen und die Verständlichkeit ihrer Übersetzung demgemäß überhaupt erst ermöglichen.
Wollten wir zum Beispiel ein Verständnis zur östlichen „Psychologie“ entwickeln, würden wir zunächst erstaunt feststellen, dass der Osten kein Äquivalent zu unserer Psychologie hervorgebracht hat. Diese Tatsache zeigt, dass die Anwendbarkeit dieses Ausdrucks fraglich ist. Um nun einerseits zu vermeiden, dass wir in unseren weiteren Betrachtungen über östliches Denken im Vergleich zu Westlichem aneinander vorbeireden, folgendes; Eine kritische Psychologie, die Mutter der modernen Psychologie, ist dem Osten so fremd wie dem mittelalterlichen Europa. Interessant ist, dass dem Wort Geist, so wie es im Osten gebraucht wird, eine ausschließlich metaphysische Bedeutung gegeben wird. Geist und Bewusstsein bilden dort eine Einheit, die in direktem Zusammenhang zum materiellen Leben steht. Unsere westliche Auffassung von Geist hat im Gegensatz dazu nichts mehr von dieser Bedeutung seit dem Mittelalter. Für uns bedeutet es eine psychische Funktion. Aber gerade weil wir im Grunde nicht wissen was Psyche ist sollten wir uns mit dem Phänomen Geist beschäftigen.
In unserem Denken ist der Geist keine metaphysische Wesenheit, noch vermuten wir eine direkte Verbindung unseres individuellen Geistes mit einem hypothetischen Allgeist (Universalmind). So gesehen ist unsere Psychologie eine Wissenschaft die auf der Beobachtung von feststellbaren Funktionen beruht, die aber als Phänomen gewertet werden müssen, da uns die Hintergründe des Ursprunges unserer Psyche also das Wieso und Weshalb in seiner Gewissheit fehlen. Die Entwicklung der westlichen Philosophie hat in den Jahrhunderten der sog. Wissenschaftlichen Revolution das Ziel verfolgt den Geist als einzelnen zu isolieren und ihn aus seinem Zusammenhang, seinem ursprünglichen verschmolzen sein mit dem Weltall zu trennen. Damit hat der Mensch aufgehört der Mikrokosmos, das Abbild des Kosmos zu sein und sein Geist ist nicht mehr der Funke Gottes oder der Welt Seele.
Die Auffassung von der Natur, die im Westen bis zum Vorabend der wissenschaftlichen Revolution vorherrschend war, war die einer magischen Welt. Steine, Bäume, Flüsse und Wolken wurden alle als wundersam, als lebendig angesehen. Die Menschen fühlten sich in ihrer Umgebung zu Hause. Der Kosmos war für sie ein Ort in dem sie sich zugehörig fühlten. Als Mitglieder dieses Kosmos waren sie keine von ihm getrennten Beobachter, sondern nahmen direkt an dessen Wirken teil. Sie fühlten ihr persönliches Schicksal als ein Teil des Kosmos und dieser Bezugsmoment gab dem Leben seinen Sinn. Diese Art von Bewusstsein reflektiert die Identifikation, das Einssein mit der jeweiligen Umgebung und wird von dem Gefühl der Ganzheit getragen, das bei uns seit langem verschwunden ist.
In Folge der wissenschaftlichen Revolution, seit dem 16. Jahrhundert ist der Geist mehr und mehr aus diesem Einssein vertrieben worden. Der Theorie nach sind Materie und Bewegung die Bezugspunkte aller modernen wissenschaftlichen Anschauungen. Historiker bezeichnen dies als die mechanistische Philosophie. Entdeckungen, die diese Anschauungen in Frage gestellt haben, die Quantenphysik oder einige Richtungen der ökologischen Forschungsgebiete, brachten keine Veränderung in diesem Denken. Dieses Denken bewirkt aufgrund seines rigiden Trennens zwischen Beobachter und Beobachtetem, einen Verlust an Teilname. Dieses Wissenschaftliche Bewusstsein ist entfremdetes Bewusstsein. In ihm gibt es kein Verschmelzen mit der Natur, sondern die absolute Trennung von ihr. Dabei werden Subjekt und Objekt immer in Opposition zueinander gesehen. Da wir dann nicht mehr ein Ergebnis unserer Erfahrungen sind, sind wir demgemäß auch nicht mehr ein Teil der uns umgebenden Welt. So leben wir in dem Gefühl ein Objekt zu sein, ein entfremdetes Ding, nicht ich, alles wird zur Sache, wir leben in der Welt anderer, ebenso bedeutungsloser Individuen. Was wir tatsächlich fühlen, ist ein Leiden unserer Seele. Wir erleben diese Welt nicht als unsere, nicht von unserer Art, dem Kosmos bedeuten wir nichts und wir empfinden keine wirkliche Zugehörigkeit zu ihm.
Was bedeutet dieser Wandel für das Alltagsleben. Die Entfremdung und Sinnlosigkeit, die eine Handvoll Intellektuelle hervorgebracht haben, sind zum Bewusstsein der Maße geworden. Die Arbeitsplätze sind verdummend, Beziehungen inhaltslos und flüchtig, der politische Bereich ist heuchlerisch. Durch den Zusammenbruch der überkommenen Werte entstand ein Vakuum in dem wir hysterische, evangelistische Erweckungsbewegungen, Massenübertritte in die Kirche des Reverend Moon, und einen allgemeinen Rückzug in die Lethargie, die Drogen, Fernsehen und Beruhigungsmittel beobachten können. Kennzeichnend für unsere Zeit ist auch die häufig verzweifelte Suche nach der richtigen Therapie, die inzwischen in einer Nationalen Besessenheit Millionen Menschen dazu treibt ihr Leben wieder aufzubauen. Dies alles geschieht in einem weitreichenden Gefühl, in einer Gesellschaft zu leben, die kulturell verfällt und deren soziale Ordnung ins Wanken geraten ist. Alles in allem ein Zeitalter in dem die Depression Norm ist und das deshalb als wirklich finster angesehen werden kann. Wir sind ganzheitlich für fast niemanden, am wenigsten für uns selbst. Statt dessen bewegen wir uns in einer Welt sozialer Rollen, Interaktionsrituale und ausgefeilter Verhaltensspiele, die uns zwingt uns selbst zu beschützen, indem wir etwas entwickeln, dass Laing ein „falsches Selbst-System“ nennt Das weit verbreitete Klima der Angst und Neurose, in das wir verstrickt sind, ist dann unausweichlich. Wir nehmen die Umwelt zunehmend als unwirklich wahr, in dem wir uns von den Gegebenheiten des eigenen Lebens entfernen. Während dieser Prozess sich beschleunigt, beginnen wir uns innerlich zu wehren, an uns herumzunörgeln, damit eine weitere Spaltung hervorzubringen und eine existentielle Schuld zu fühlen. Wir werden von unseren eigenen Vorstellungen verfolgt, von unserer Schauspielerei, unserer Flucht vor dem Versuch zu werden, was wir wirklich sind oder sein könnten. Nehmen die Schuldgefühle zu, bringen wir die nörgelnde innere Stimme mit Drogen, Alkohol, Zuschauersport zum Schweigen. Wir nehmen sog. Ersatzhandlungen vor, nur um zu vermeiden der Realität ins Gesicht zu schauen. Wenn dann die Selbsttäuschung, die wir praktizieren, nachlässt, was dem Nachlassen der Wirkung der Pille entspricht, bleibt uns nur noch das Grauen unseres eigenen Betruges und die Leere unserer manipulierten Erfolge. Allein die Statistiken, die diesen Zustand widerspiegeln, sind so schrecklich, dass sie allem Verstehen trotzen. Es gibt heute eine Signifikante Selbstmordrate in der Gruppe der Sieben – bis Zehnjährigen und die Teenagerselbstmorde haben sich zwischen 2010 und 2017 verdreifacht. Offizielle Zahlen aus Regierungsberichten behaupten, dass es 2015 alleine in der BRD 1 Million Schizophrene, 1 Million ernsthaft gestörter Kinder, 2 Millionen Alkoholiker gibt und das 2,5 Millionen Menschen unter schwerer, arbeitsunfähig machender Depressionen leiden. Es werden Jährlich 1 Milliarde Beruhigungsmittel verkauft. So könnten wir die Liste dieser Statistik weiterführen.
Wir wohnen damit einem unausweichlichen Ergebnis einer Logik bei, die schon Jahrhunderte alt ist und die sich in unserem Leben abspielt. Ich behaupte, dass die Wissenschaft daran schuld ist. Was ich behaupte ist, dass diese wissenschaftliche Weltsicht integraler Bestandteil des Bewusstseins der Menschen in den Industrienationen, der Massengesellschaft geworden ist. Damit ist sie verantwortlich für den oben beschriebenen Zustand.
Unbeirrt von diesen Tatsachen behandelt die heutige Wissenschaft weiterhin alle metaphysischen Behauptungen als bloße geistige Abstraktionen ohne wirklichen Gehalt und weist diesen Abstraktionen einen Platz im Unter-Bewusstsein zu. Die Psychologie betrachtet sie als nicht gültig und gesteht ihnen nicht die Fähigkeit zu, wirksam zu sein. Diese Metaphysischen Realitäten entziehen sich einer Intellektuellen Überprüfung und so haben wir keine wissenschaftlich gültigen Mittel zur Verfügung um sie auf ihre Objektivität zu prüfen. So kann es keine Gewißheit über die Gültigkeit einer metaphysischen Behauptung geben, dass es keinen Allgeist gibt, da das Instrument mit dem wir forschen ungeeignet erscheint. Genauso gut könnten wir feststellen, dass unser Geist nur eine wahrnehmbare Manifestation eines Allgeistes ist, aber wir wissen es nicht genau, da diese Feststellung eine Behauptung eines intellektuellen Verstandes ist der sagt, kann sein, kann nicht sein. Wir können es nicht einmal ahnen, da wir das falsche Instrument zur Beobachtung benutzen, wie es möglich wäre zu erkennen, ob es so oder anders ist. Die Psychologie nimmt daher an, dass der beobachtende Geist nicht feststellen oder beweisen kann, ob er außerhalb seiner Grenzen besteht.
Wir zeigen für gewöhnlich unseren gesunden Menschenverstand in dem wir die unserem Geist aufgezwungenen Grenzen, das Wertesystem, anerkennen. Zeitweise erscheint es uns als Opfer, von der Wunderwelt Abschied zu nehmen, in der vom Geist geschaffene Dinge und Wesen leben und sich bewegen. Dem westlichen Denker erscheint es als primitiv, Objekte als beseelt, mit lebendiger, heilender, magischer Kraft ausgestattet zu sehen, durch die diese an uns und wir an ihnen teilhaben sollen.
Der Osten hingegen will uns zu verstehen geben, dass die Macht der Objekte unsere und die Bedeutung die wir ihnen geben unsere eigene ist. Erkenntnistheorie, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten in der westlichen Hemisphäre praktiziert wurde, duldete eine Welt, wo geistgeschaffene Figuren einen metaphysischen Himmel und eine metaphysische Hölle bevölkerten. Im Gegensatz zu dieser erkenntnisreichen Politik haben wir an der Überzeugung festgehalten, dass uns ein Glaubensorgan befähige, Gott zu erkennen. Wie eine schwere Krankheit entwickelte der Westen einen Konflikt, zwischen Wissenschaft und Religion. Im Laufe der Jahre wurde die Wissenschaft materialistisch, da sie auf der Basis eines Fehlurteils negativ metaphysisch argumentierte.
Man hielt Materie für eine berühr und erkennbare Realität. In Wirklichkeit ist Materie ein metaphysischer Begriff, der im nachhinein vergegenständlicht wurde. Wir wissen nicht was Materie ist und warum die Dinge Gestalt annehmen. Insofern ist Materie eine Hypothese. Wenn wir Materie sagen benutzen wir einen Begriff für etwas von seiner Herkunft unbekanntes. Niemand kann widerlegen, dass Materie ebensogut vom Geist geschaffen oder sogar von Gott selbst ist. Der uns schmerzhaft indoktrinierte Glauben verhindert, dass wir unsere bisherigen Anschauungen aufgeben. In diesen Anschauungen messen wir die Objekte an dem was sie zu sein haben. Es erscheint, dass der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft hausgemacht ist. Der wissenschaftliche Materialismus hat eben nur eine intellektuelle Vergegenständlichung eingeführt. Er hat dem höchsten Realitätsprinzip einen anderen Namen gegeben und hat angenommen, dass dadurch etwas Neues geschaffen sei und dadurch Altes zerstört wurde. Man hat aber nichts neues geschaffen, in dem man das Prinzip des Seins Gott, Energie, Materie oder sonst wie benennt, man hat nur austauschbare Begriffe verwendet und wechselt nach belieben die Symbole.
Die zum gehorsamen Glauben erzogenen andererseits versuchen aus rein sentimentalen Gründen einen primitiven geistigen Zustand beizubehalten. Sie sind nicht willens die wahren Bezüge innerhalb der geistgeschaffenen Welt herzustellen, sie sind nicht bereit ihre kindlichen Vorstellungen aufzugeben. Jene wollen sich weiterhin in der trügerischen Sicherheit wiegen, in der angeblich mächtige, verantwortliche, allem überlegene und zudem gütige Eltern (Gott oder die geistigen Gesetze) die Aufsicht führen. Wenn Gott demgemäß verantwortlich wäre, würde er sie mit der Bemerkung wachrütteln „Werdet endlich erwachsen- tragt selbst für eure Bilder Verantwortung“. So bleiben die auf diese Art Gläubigen Kinder, statt zu werden wie die Kinder, denn wie sähen wir unsere Kinder, die mit fünfzig Jahren immer noch von uns lebten.
Hinzu kommt noch der Stillstand, der durch den Streit im Konflikt zwischen Religion uns Wissenschaft resultiert. Jeder ehrliche Denker muss die Unsicherheit aller metaphysischen Positionen zugeben, speziell die Unsicherheit aller Glaubensbekenntnisse, wenn ihm die direkte Wahrnehmungsfähigkeit für diese Ebenen fehlt. Er muss auch die Tatsache annehmen, dass es gar keinen Beweis für die Fähigkeit des Menschen gibt, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Es ist für ihn fraglich, ob der menschliche Geist etwas Transzendentales beobachten kann, denn er kann an sich selbst derartiges nicht feststellen. Er müßte die dazu gehörigen Fähigkeiten erst erlernen. Nimmt er seinen Zustand für gegeben und unüberwindlich, bleibt er in seiner dann fixierten Haltung, kann er diese Fähigkeiten auch nicht erwerben.
Materialismus ist, das wird nun deutlich, eine Reaktion gegen die plötzliche Einsicht, dass Erkenntnis eine geistige Fähigkeit und, wenn über die Wahrnehmungsgrenze hinausgeführt, eine abstrahierte Projektion ist.
Ein Mensch mit durchschnittlicher philosophischer Bildung konnte diese Form des Intellektualisierens nicht durchschauen, er merkte nicht, dass Materie einfach ein anderer Name für das höchste Prinzip ist. Nur der Gläubige weigert sich derartige Kritik anzunehmen und sein Weltbild zu korrigieren. Seine Haltung zeigt, wie groß die Furcht ist, die trügerische Sicherheit der Kindheit aufzugeben und sich in eine Welt zu entwickeln, die von Gesetzmäßigkeiten und Kräften regiert wird, denen der Mensch mit seinen assoziativen Fehlanpassungen gleich ist. Ihm kann nur die Einsicht helfen, dass er im Wertesystem seines Geistes gefangen ist und dass er ohne besondere Übung niemals, auch nicht wenn er sich in den Wahnsinn stürzt oder obskure geistige Techniken anwendet, diese Grenzen überschreiten kann. Er muss erkennen, dass die Erscheinungsformen seiner Welt oder seiner Götter in hohem Maße von seiner eigenen geistigen Verfassung abhängt. Wie ich schon betont habe, ist für unsere Aussage über metaphysische Dinge vor allem die Struktur unseres Geistes verantwortlich. Wir haben auch verstanden, dass der Intellekt nicht eine unabhängige geistige Fähigkeit ist, sondern eine psychische Funktion und als solches abhängig von der Psyche als Ganzes. Eine philosophische Anschauung ist das Ergebnis einer bestimmten Persönlichkeit, die zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort lebte. Sie kann nicht das Resultat eines rein logischen unpersönlichen Vorganges sein. Die in ihr enthaltenen Aussagen sind hauptsächlich subjektiv. Eine Möglichkeit eine Philosophie auf den Gehalt ihrer objektiven Aussagen zu prüfen ist, ihren Überlebenswert in Relation zu der Masse an Menschen zu setzen, die an ihr partizipieren.
Die Isolierung des Menschen in seiner Psyche als Resultat der erkenntnistheoretischen Kritik hat in Folge zur psychologischen Kritik geführt. Diese Art von Kritik ist bei den Philosophen nicht beliebt, da sie den philosophischen Intellekt gern als das unvoreingenommene, vollkommene Instrument der Philosophie betrachten. Aber genau dieser Intellekt ist eine Funktion, die von der individuellen Psyche abhängt und von allen Seiten, insbesondere dem Milieu, in dem es sich bewegt, durch subjektive Bedingungen bestimmt wird. Wir haben uns schon dermaßen an diese Anschauungen gewöhnt, dass „Geist“ seinen universellen Charakter ganz verloren hat. Er ist zu einer vermenschlichten Größe geworden ohne irgendwelche Aspekte der früheren metaphysischen und kosmischen Aspekte zu reflektieren. Geist wird heutzutage als etwas Subjektives oder sogar Willkürliches angesehen. Nachdem sich gezeigt hat, dass die früher vergegenständlichten universellen Ideen geistige Prinzipien sind, dämmert es uns, in welchem Ausmaße unser ganzer Erfahrungsschatz der sogenannten Wirklichkeit psychisch ist. Jeder Gedanke, jedes Gefühl alles in allem, jede Wahrnehmung besteht aus psychischen Bildern und unsere Welt existiert nur insofern, als wir in der Lage sind, uns ein Bild von ihr zu produzieren. Wir sind so hypnotisiert von der Gefangenschaft und Begrenzung im eigenen Geiste, dass wir nur noch bereit sind die Existenz von Dingen, die wir nicht kennen, in einem Teil unserer Psyche anzunehmen, den wir das Unbewusste nennen. Die scheinbar universale und metaphysische Dimension des Geistes hat sich so zum kleinen Kreis der individuellen Bewusstheit verengt. Hemmungslos projizieren wir in infantiler Weise dieses kleine Denken auf die Welt und merken die Illusion nicht, die dieses Begrenzt sein schafft. Viele wissenschaftlich denkende Menschen verbergen sogar ihre religiösen und philosophischen Neigungen, um nicht die Ergebnisse ihres Denkens subjektivieren zu müssen. In der heutigen Zeit bemühen sich die Menschen nur noch sehr selten um eine offene Geisteshaltung, die den unbekannten Dimensionen unserer Welt, die unentdeckten Bereiche unserer Erde, erfahren will. Alles scheint schon wissenschaftlich erklärt und damit haben wir den Verlust einer umfassenden Weltsicht zu beklagen. Als Kompensation für diesen Verlust entwickelten wir einen Hang dazu, Dinge zu Tatsachen zu erklären, ganze Berge von Tatsachen. Wir versuchen unsere Aussagen zu objektivieren in dem wir möglichst viele Tatsachen, von denen wir glauben, dass sie unsere Thesen stützen, in den Raum stellen. Möglichst so viele, dass sie vom Einzelnen nicht mehr überblickt werden können. In dieser Angeberei stellen wir jedem Satz ein „wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben“ an den Anfang, auch dann, wenn wir nur unsere eigene Meinung untermauern wollten. Wir hegen die fromme Hoffnung, dass diese Anhäufung ein bedeutungsvolles Ganzes bilden werde, obwohl sich niemand mehr darüber sicher ist, weil vermutlich kein menschliches Hirn die gigantische Summe dieses in Massen produzierten Wissens umfassen kann. Dieser Eindruck verstärkt sich in dem Maße, in dem uns die heutige Informationsvielfalt, die große Anzahl von Studienfächern, die derzeit achtzigtausend Buchneuerscheinungen jährlich usw. bewusst werden. Wir werden begraben von angeblichen Tatsachen denen wir Bedeutung geben, die wir für „wissenschaftlich“ halten und haben dabei den Sinn fürs Ganze verloren. Ein wenig plagt uns möglicherweise ein schlechtes Gewissen, mit Recht, denn mit ihm stolpern wir über eine uns selbst geschaffene Tatsache.
Der westlichen Psychologie ist der Geist bekannt als die geistige Funktion der Psyche. Er ist das, was die Mentalität eines Individuums prägt. In der Sphäre der philosophischen Denker kann man noch ein Überbleibsel von der Idee der menschlichen Seele finden, den unpersönlichen All-Geist. Dieses Bild unserer westlichen Anschauungen erscheint vielleicht etwas drastisch, aber ich glaube damit sehr nahe an der Wahrheit zu operieren. Auf alle Fälle entpuppt sich unsere westliche Anschauung derartig, wenn wir sie im Vergleich zur östlichen Mentalität betrachten. Im Osten ist der Geist ein kosmisches Prinzip, die Essenz des Seins überhaupt, während wir im Westen anscheinend zur Einsicht gelangt sind, dass Geist die unerlässliche Bedingung zur Erkenntnis und daher auch zur Welt als Vorstellung bildet. Im Osten gibt es daher keinen Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft, weil sich dort keine Wissenschaft auf die Tatsachenbegründung stützt und keine Religion auf bloßen Glauben beruht. Es gibt dort religiöse Erkenntnis und erkennende Religion. Bei uns ist der Mensch unendlich klein und die Gnade Gottes bedeutet alles, im Osten ist der Mensch Gott, und erlöst sich selbst. Der tibetische Buddhismus lehrt ein Gottesbild, in dem die Götter zur Sphäre der illusorischen Getrenntheit und zu den geist-geschaffenen Projektionen gehören, die dennoch existieren. Was uns anbetrifft bleibt eine Illusion eine Illusion und kann demnach nicht wirken. Gewisserweise paradox und dennoch wahr, dass bei uns ein Gedanke keine richtige Wirklichkeit hat; wir behandeln ihn, wie wenn er ein Nichts wäre. Obgleich der Gedanke richtig ist, nehmen wir an, dass er nur existiert kraft gewisser von ihm formulierter Tatsachen. So konnten wir zwar mit Hilfe dieser schillernden Phantasiegebilde von nicht ganz wirklichen Gedanken die Atombombe erfinden, aber es erscheint uns als gänzlich absurd, dass man je die Wirklichkeit des Gedankens selbst im Ernst annehmen könnte. Die psychische Wirklichkeit ist ein sehr umstrittener Begriff, ebenso wie Psyche oder Geist. Die letzteren Begriffe werden von den einen als das Bewusstsein und seine Inhalte verstanden, andere geben die Existenz von dunklen oder Unbewussten Bildern zu. Die einen schließen die Instinkte in den psychischen Bereich ein, die anderen schließen sie davon aus. Die große Mehrheit betrachtet die Seele als ein Resultat von biochemischen Prozessen in den Hirnzellen. Einige mutmaßen, dass die Psyche die Funktion der corticalen Zellen verursache. Einige identifizieren Leben mit Psyche. Aber nur eine geringe Minderheit betrachtet das psychische Phänomen als eine Kategorie des Seins, an und für sich, und zieht die notwendigen Schlüsse. Es ist in der Tat ein Widerspruch, dass die Kategorie des Seins, die unerlässliche Bedingung alles Seins, nämlich die Psyche, als nur halb wirklich behandelt wird. Psychisches Sein ist, das wissen wir, die einzige Kategorie des Seins, von der wir unmittelbare Kenntnis haben, weil nichts wahrgenommen werden kann, wenn es nicht als psychisches Bild erscheint. Alles begann mit einer Idee und nur psychische Existenz ist unmittelbar nachweisbar. Wenn die Welt nicht die Form eines psychischen Bildes annimmt, ist sie praktisch nicht existent da wir sie nicht wahrnehmen. Selbst wenn wir komplizierte Apparate zur Erweiterung unserer Wahrnehmungsfähigkeit einsetzen, werden wir immer nur das zu sehen bekommen, wofür wir ein geistiges Bild haben. Das ist eine Wirklichkeit, die der Westen mit wenigen Ausnahmen – z.B. in Schopenhauers Philosophie- noch nicht vollständig realisiert hat. Schopenhauer war vom Buddhismus und von den Upanishaden beeinflusst.
Sogar eine oberflächliche Kenntnis des östlichen Denkens genügt, um zu sehen, wie fundamental die Verschiedenheit den Osten vom Westen trennt. Das Denken im Osten basiert auf psychischer Realität auf der Psyche als hauptsächlicher und einziger Existenzbedingung. Dies können wir besser als ein Resultat der ihm zugrunde liegenden Denkmodelle begreifen, denn dieses Denken ist nicht das Ergebnis aus den Erkenntnissen philosophischen Denkens. Es mündet in einen typisch introvertierten Standpunkt des Ostens im Gegensatz zu dem ebenso typischen extrovertierten Standpunkt des Westens. Der Osten sagt damit, schau nach innen und Du erfährst wer Du bist und der Westen behauptet damit, schau nach außen und Du weißt wer Du bist. Introversion oder Extroversion sind Haltungen, die nur in besonderen Fällen absichtlich angenommen werden. Diese Begriffe bezeichnen temperamentmäßige oder sogar konstitutionelle Haltungen, die nur in Ausnahmefällen willentlich, unter besonderen Bedingungen hervorgerufen werden können. Introversion ist, wenn wir es so sehen wollen, der Stil des Ostens, eine habituelle und kollektive Haltung; Extraversion ist der Stil des Westens. Eine introvertierte Haltung wird im Westen als anomal, morbid oder sonst als unzulässig empfunden. Freud hat sie mit einer auto-erotischen Geisteshaltung verglichen. Diese Bewertung gleicht der negativen Einstellung, welche Introversion als ein Vergehen gegen das Gemeinschaftsgefühl ansieht. Im Osten dagegen wird unser Zwang zur Extraversion als trügerischer Hang zur Begehrlichkeit gewertet; genau das was die Existenz im Sangsara, der trügerischen Erscheinungswelt, ausmacht, als innerstes Wesen der Nidana-Kette, die ihren Höhepunkt in der Summe des Leidens der Welt erreicht. Wer die gegenseitige Herabsetzung der Werte zwischen Introvertierten und Extrovertierten erfahren hat, wird den emotionalen Konflikt zwischen dem östlichen und westlichen Standpunkt wohl verstehen. Der erbitterte Streit um die „Universalia“, der mit Platon begann, wird dem in der europäischen Geschichte der Philosophie Bewanderten ein lehrreiches Beispiel sein. Alle Verzweigungen im Konflikt zwischen Introversion und Extraversion aufzuzeigen, kann Thema einer begleitenden Abhandlung sein. Hier möchte ich nur auf dessen religiösen Aspekte hinweisen. Der christliche Westen erzog den Menschen zu einem „muss Glauben“ in dem er abhängig von der Gnade Gottes dasteht und dessen Verbindung zu Gott, einzig über die von Gott sanktionierte Kirche, als irdisches Instrument, zur Erlösung führt. Der Osten hingegen beharrt darauf, dass der Mensch selber die einzige Ursache zu seiner höheren Entwicklung ist, denn der Osten glaubt an die Selbsterlösung.
Der religiöse Standpunkt stellt immer die wesentliche psychologische Einstellung der jeweiligen Partei und ihre spezifischen Vorurteile dar. Der Einzelne reflektiert dabei das Milieu seiner Sozialisation, auch wenn er Abstand zu seiner Religion nimmt oder sehr wenig von ihr weiß. Was die Psychologie betrifft, ist der Westen trotz seiner Bemühungen um philosophisches Denken durch und durch christlich. Die Gnade kommt von anderswo, auf alle Fälle von außen. Jede andere Absicht ist Ketzerei. So ist ganz verständlich, warum diese Seele an Minderwertigkeitsgefühlen leidet. Wer es wagt, an eine direkte Verbindung zwischen der Seele und der Gottesidee zu denken, wird für verrückt erklärt oder eines krankhaften Mystizismus verdächtigt. Der Osten andererseits duldet mitleidig diese unteren geistigen Stufen, auf denen sich der Mensch in seiner blinden Unkenntnis von Karma (Kausalitätsprinzip – Gesetz von Ursache und Wirkung) mit der Sünde beschäftigt oder seine Imaginationsfähigkeit mit dem Glauben an absolute Götter quält, die, wenn er nur tiefer sähe, bloße Schleier von Illusion sind, welche sein eigener unerleuchteter Geist gewonnen hat. Die Psyche erscheint im Osten als das allerwichtigste, sie ist der allesdurchdringende Atem, das Buddha Wesen, sie ist der Buddha Geist, der Eine, der Dharma – Kaya. Denn welchen anderen Geist hatte Buddha selbst, als diesen, der uns allen eigen ist. Alles Leben strömt von ihr und alle Erscheinungsformen lösen sich wieder auf in ihr. Dieses ist die grundlegende psychologische Vorbedingung, von welcher der östliche Mensch in jeder Faser seines Wesens durchdrungen ist, die all seine Gedanken, Gefühle und Taten bestimmt, zu welchem Glauben auch immer er sich bekennt.
Der westliche Mensch ist immer christlich, gleichgültig zu welcher Konfession er angehört. Für ihn ist der Mensch innerlich ganz klein, fast wie ein nichts, dazu kommt noch, dass er sich immer schuldig fühlt vor Gott, von dem er abgefallen ist. Nun versucht er die große Macht durch Furcht gnädig zu stimmen, dies tut er durch Buße, Gelübde zur Besserung, Unterwerfung, Selbsterniedrigung, gute Taten und Lobpreisungen. Die große Macht ist nicht er selber, sondern ein ganz anderer, welcher absolut vollkommen und außerhalb ist, die einzige Wirklichkeit. Wenn wir den Bezugspunkt etwas verschieben und für Gott etwas anderes einsetzen, das der westliche Mensch erstrebt z.B. das Geld, bekommen wir von ihm ein adäquates Bild. Dann sehen wir ihn fleißig, furchtsam, frömmelnd, sich selbst demütigend, unternehmend, gierig und leidenschaftlich im Erraffen von weltlichen Gütern, wie Grund und Boden, Häuser, Gesundheit, Wissen, technischer Überlegenheit, politischer Macht, spekulativer Wohlfahrt (geben um zu bekommen), Eroberungen vom anderen Geschlecht, dem besonderen Gegenstand oder dem individuellen Lebensstil. Wir brauchen nur zu fragen was die populären Bewegungen unserer Zeit sind Versuche, Geld oder Besitz von anderen an uns zu reißen und unseren eigenen Besitz vor den anderen, die gleiches versuchen könnten, zu bewahren. Der Geist ist hauptsächlich damit beschäftigt, ein täuschendes Bild von sich nach außen zu projizieren, um die wirklichen Motive zu verbergen, damit mehr Beute gemacht werden kann.
Interessant währe auch die Frage was dem östlichen Menschen geschehen würde, wenn er die Ideale seiner Lehre vergäße. Oder was geschähe wenn beide Teile den jeweilig anderen Standpunkt imitierten. Die Verschiedenheit ist so groß, dass wir mit der Polarität in unseren Vergleichen nur einen dritten Zustand als Resultat dieser Imitation annehmen können, Feuer und Wasser lassen sich nicht mischen. Kommen sie miteinander in Berührung, löschen sie sich gegenseitig aus und bilden als dritten Zustand Dampf. Der westliche Mensch glaubt sich durch die Haltung des Ostens verdummt. Man kann nicht ein guter Christ sein und sich selbst erlösen, auch kann man nicht Buddhist sein und Gott verehren. So erscheint es besser die Unterschiedlichkeit anzunehmen, denn wenn es eine Annäherung geben soll, sollten wir nur schauen, was wir voneinander zu lernen haben.
Im Moment sieht es so aus, als ob die Göttliche Vorsehung bestimmt hat, dass die grassierende Sinnentlehrtheit den westlichen Menschen mit der Geisteshaltung des Ostens vertraut macht. Es ist nutzlos, diese entwerten zu wollen oder falsche und trügerische Brücken über gähnende Abgründe zu bauen.
Anstatt die geistigen Techniken des Ostens auswendig zu lernen und sie wie bisher in christlicher Manier zu imitieren wäre es viel wichtiger, herauszufinden, ob es in unseren Anlagen Tendenzen gibt, die den geistigen Prinzipien des Osten ähnlich sind. Wir wären dann in der Lage, auf uns selbst mit unseren Methoden aufzubauen. Wenn wir uns diese Dinge direkt vom Osten abschauen, sind wir nur unserer westlichen Erwerbstüchtigkeit nachgegangen. Damit hätten wir wieder den Glauben bestärkt, dass „alles Gute von draußen“ kommt, von wo es geholt und in unsere entleerten Seelen gepumpt werden muss.
„Wem Gott nicht als solch innerer Besitz ist, sondern sich allen Gott von draußen holen muss….so hat man ihn eben nicht, und da kommt dann leicht etwas, was einen stört“ (Meister Eckhart, Büttner, Bd. II, p. 8).
Es erscheint, dass wir wirklich etwas vom Osten gelernt haben, wenn wir verstehen, dass die Seele genug Reichtümer enthält, ohne dass sie von außen befruchtet werden muss, und wenn wir uns fähig fühlen, uns mit oder ohne göttliche Gnade zu entwickeln. Aber wir können uns nur auf dieses anspruchsvolle Unternehmen einlassen, wenn wir bereit sind unseren geistigen Standpunkt zu verlassen und diese angebliche Selbstsicherheit aufgeben, die uns diktiert, dass alles für unsere Erlösung bereits getan sei. Genau an dieser Nahtstelle verletzt die östliche Haltung die speziell christlichen Werte, und es nützt nichts an dieser Tatsache vorbeigehen zu wollen, ohne den Konflikt im Voraus zu lösen. Wenn unsere neue Weltsicht ehrlich, d.h. in unserer eigenen Geschichte verankert sein soll, müssen wir uns eine Haltung aneignen, die nicht den Konflikt übersieht, aufgrund dessen wir uns parteiisch verhalten könnten und das Eine wegen des Anderen verdammen. Wir können nur von innen zu den östlichen Werten gelangen, nicht von außen, denn diese Werte sind nicht die Methoden des Ostens, sondern die aus der Anwendung ihrer Methoden resultierenden Erkenntnisse. Diese können nur aus uns selbst geschöpft werden. Dann werden wir entdecken, wie groß unsere Furcht vor dem Unbewussten ist und wie heftig unsere Widerstände gegen diese Prinzipien sind. Wegen dieser Widerstände bezweifeln wir gerade das, was dem Osten so offensichtlich erscheint, nämlich die Kraft die uns aus uns selbst befähigt und zur Selbstbefreiung führt.
Dieser Aspekt des Geistes ist dem Westen sozusagen unbekannt, da ihm Methoden zur Mobilisierung des Unbewussten fehlen, obwohl das Unbewusste die wichtigste Komponente dieses Aspektes ist.
Viele Denker leugnen die Existenz des Unbewussten gänzlich oder sie relativieren sein Vorhandensein in der Behauptung es bestehe nur aus Instinkten oder aus verdrängten und vergessenen Inhalten, die vorher ein Teil des Bewusstseins waren. Wir können mit Gewissheit annehmen, dass der östliche Ausdruck „mind“ mehr mit unserem „Unbewussten“ zu tun hat, während unser Ausdruck „Geist“ mehr mit dem identisch ist was wir als Bewusstsein bezeichnen. Der Osten vermutet den größten Anteil des Geistes im Unbewussten. Für uns ist Bewusstsein undenkbar ohne ein Ich. Es ist gleichgesetzt mit der Bezogenheit von Denkinhalten auf ein Ich. Wenn kein ich existiert, ist für uns niemand da, dem etwas bewusst werden kann. Das Ich ist, so glauben wir, daher unentbehrlich für den Bewusstwerdungsprozeß. Dem östlichen Geist hingegen fällt es leicht, sich ein Bewusstsein ohne Ich zu denken. Im Osten ist die Leistung der Gemeinschaft höher bewertet als die Leistung des Einzelnen. Man hält dort das Bewusstsein fähig, über den Ich – Zustand hinaus zu wachsen, in diesem höheren Zustand geht das Ich vollständig auf und verschwindet in der Bewusstseinsgruppe. Solch ein Ich – loser geistiger Zustand kommt uns im ersten Moment als der Versuch einer Entwurzelung vor. Es wäre ganz einfach kein Zeuge mehr dabei, der diesen Vorgang beobachtet. So müssen wir Westler, ohne weitere Erklärung, die Existenz von geistigen Zuständen bezweifeln, die über unser Verständnis von Bewusstsein hinausgehen, da wir nur ein Ich – Bewusstsein kennen.
Wir können uns einen bewussten geistigen Zustand, der nicht auf eine Objekt – Subjekt – Relation unseres Ich – bezogenen Wertesystems, unserer Ich – Identifikationen, also das Ding, was wir für „Ich“ halten, bezogen ist, zunächst nicht vorstellen, da uns die Qualitäten der vorweggenommenen höheren Bewusstseinsebenen des Ostens fremd sind.
Dem Ich des Ostens wird durch die vielfältigen Methoden des geistigen Trainings die Macht entzogen nur für sich zu wirken und nur für seine auf sich selbst bezogenen Bedürfnisse zu befriedigen. Trotzdem muss jemand oder etwas vorhanden sein das wahrnimmt, solange Wahrnehmungen gemacht werden. Entweder ist es das Ich, dass sich selbst wahrnimmt oder eine andere, uns bislang unbewusste, Instanz die wahrnimmt. So wird uns auf indirektem Wege bewusst, dass ein Unbewusstes existiert, aber es gibt keinen Beweis dafür, dass die Unbewussten Denkinhalte auf ein unbewusstes Zentrum, dass analog zum Ich existiert, bezogen wären. Es gibt im Gegenteil gute Gründe dafür, dass ein solches Zentrum nicht einmal wahrscheinlich ist, oder wo sollten wir dessen Sitz vermuten? Handelt es sich schließlich um eine höhere Ebene in uns, die wir zwar mit unserer Psyche erfassen können, aber durch unsere Ich – Bezogenheit nicht erkennen können?
Die Tatsache, dass der Osten das Ich so leicht beiseite stellt, scheint auf einen Geist zu deuten, der nicht mit unserem „Geist“ identifiziert werden kann. Das Ich spielt im Osten sicher nicht dieselbe Rolle wie bei uns. Der östliche Geist scheint weniger egozentrisch, seine Inhalte scheinen nur lose auf das Subjekt bezogen und wichtiger scheinen jene Zustände zu sein, welche ein geschwächtes Ich zum Vorteil eines All – eins bevorzugen. Dies sollten wir nicht mit Gleichmacherei verwechseln. Es scheint als ob Hathayoga hauptsächlich dazu dienen würde, das Ich durch Beherrschung seiner Dynamiken auszulöschen. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die höheren Yoga – Formen, sofern sie Samadhi (die höchste Vollkommenheit) zu erreichen streben, auf einen Geisteszustand abzielen, in dem das Ich nur noch als abgespaltener Bestandteil eines Gesamt-Bewusstseins angesehen wird. Bewusstsein, wie wir es verstehen wird eindeutig als untergeordnet angesehen, nämlich als einen Zustand von avidya (Unwissenheit), während das, was wir als die dunklen Seiten unserer Seele bezeichnen (das Unbewusste), im Osten als höhere Bewusstheit verstanden wird. Dies kann nur verstanden werden, wenn wir beachten, dass „höher“ und „niederer“ klassifizierende Urteile des Bewusstseins sind, und das die westliche Psychologie unbewusste Inhalte nicht in dieser Art unterscheidet. Es scheint, dass der Osten untermenschliche psychische Konditionen anerkennt, ein wirkliches „Unter-Bewusstsein“, das Instinkte und halb physiologische Psychismen enthält, aber als „höheres Bewusstsein“ bezeichnet wird. So wäre unser Begriff vom kollektiven Unbewussten das europäische Äquivalent zu buddhi, dem erleuchteten Geist.
Wenn wir die östlichen Disziplinen, innerhalb der jeweiligen Methode erfassen, fällt auf, dass sie, trotz großer Unterschiede der diversen Schulen, gewisse Schwerpunkte gemeinsam setzten. So wird das Ich – Bewusstsein nicht als Mittelpunkt des Lernprozesses angesehen. Es nimmt lediglich eine vermittelnde Position zwischen den körperlichen Zustand und den geistigen Idealen ein. Die als die „unteren“ definierten physiologischen Funktionen des Körpers werden durch Übungen, in denen die Psyche auf sonst automatisch ablaufende Körperfunktionen Einfluss nimmt, unter Kontrolle gebracht. Sie werden nicht geleugnet, tabuisiert oder unterdrückt, wie es bei der westlichen Form der Askese üblich ist. Viel eher ist es so, dass in den Übungen Einfluss auf das diesen Körperfunktionen zugrundeliegende Energiesystem genommen wird und in dem Maß indem man diese Energieströme beherrschen lernt, kann man diese dynamischen Potentiale für höhere Ausdrucksformen des Lebens einsetzen. Man kann sagen, dass die unteren Funktionen durch Übungen angepasst und geformt werden, bis sie die Entwicklung des „höheren“ Bewusstseins fördern. Dieser Prozeß wird dadurch gefördert, dass das Ich und dessen Wille und Wünsche dazu gebracht werden, die Wichtigkeit eines höheren Bewusstseins anzuerkennen, den Inhalten des Unbewussten Aufmerksamkeit zu geben und die auf solche Weise gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen. Diese Besinnung auf die inneren Vorgänge des Geistes und des Körpers sind ausschlaggebend für eine introvertierte Haltung, da vom inneren auf das Äußere geschlossen wird. All das wird in einem Zustand des Gewahrseins, d. h. der bewussten Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung, der a priori Gegebenheiten der Apperzeption.
Wie bekannt, besteht die Tatsache des Gewahrwerdens aus zwei Phasen: erstens die Wahrnehmung des Objektes und zweitens die Angleichung der Wahrnehmung in den Bezugsrahmen des vorhandenen Wertesystems oder die Angleichung in den Begriff, in den das Objekt abstrahiert wurde und verstanden wird. Unser Geist ist keine Nonentität, die keine Qualitäten aufzeigt. Das in ihm enthaltene, durch Erfahrungen geprägte, Wertesystem gibt Bedingungen vor die unsere Wahrnehmungen filtern und unsere Aufmerksamkeit lenken. Die in ihm enthaltenen Reiz – Reaktionsmuster laufen auf eine, seiner Inhalte entsprechenden Weise, sehr spezifisch für jedes Individuum ab. Jeder Impuls, sei es eine Wahrnehmung von außen oder eine Selbstinduktion eines „spontanen Gedankens“, lösen Assoziationen aus, die wiederum Impuls für weitere Assoziationen sind, welche aus dem Fundus des Gedächtnisses resultieren. Diese springen sofort ins Bewusstsein und produzieren das komplexe Bild eines Eindrucks und bilden nur eine Interpretation des Objektes. Die Unbewussten Faktoren, von denen die Qualität des Eindrucks bedingt ist, können nur sehr subjektiv sein, da kein Moment, in dem Erfahrungen gemacht wurden, dem Anderen gleicht. Diese Faktoren verdienen die Qualifikation „subjektiv“, da Objektivität bei einem ersten Eindruck, aufgrund des Wahrnehmungsfilters, nie möglich ist. Erst wenn wir uns vergegenwärtigen nach welchen Kriterien Erfahrungen verarbeitet und nach welchen Prioritäten diese abgespeichert werden und unsere Wahrnehmung beEinflussen, können wir daran gehen den Filter zu entzerren und in einen optimierten Zustand versetzen. Wie bereits gesagt, verwandelt die Psyche materielle Gegenstände in psychische Bilder. Es gibt unzählige Dinge, die auf ganz verschiedene Art und Weise gesehen, gefühlt und verstanden werden können. Wir nehmen zum Beispiel keine Wellen sondern eine Klangfarbe und Tonhöhe wahr, wir nehmen keine Wellenlänge, sondern Farben wahr und wie wir dies empfinden ist von den Dispositionen in unserer Psyche abhängig. Wie wir sagen, ist es das Sein. Abgesehen von rein persönlichen Vorurteilen verarbeitet die Psyche äußere Tatsachen auf der Basis ihrer Funktionen. Diese Funktionen sind immer die gleichen, auch wenn sie in verschiedenen Zeiten oder unterschiedlichen Weltteilen anders benannt werden. Auf einem primitiven Niveau fürchten sich die Menschen vor Zauberern, auf dem modernen Niveau beobachten wir ängstlich die Mikroben. Dort glaubt jedermann an Geister, hier glaubt jeder an Vitamine. Früher waren die Leute vom Teufel besessen, heute sind sie es nicht weniger von ihren eigenen Ideen.
Diese subjektiven Dispositionen werden noch verstärkt durch diese ununterbrochen funktionierende Denkmaschine. Jeder der sich auf seine Wahrnehmungen verläßt, stützt sich auf die subjektiven psychischen Voraussetzungen seines trügerischen Wertesystems.
Wenn es uns aber gelingt unser Bewusstsein zu erweitern, indem wir die unsere Wahrnehmung modulierenden Faktoren, die unseren Wahrnehmungsfilter ausmachen, erkennen und modifizieren, gelangen wir in den Besitz der Wahrheit, welche natürlicherweise dann aus der Psyche hervorgeht, wenn sie dabei nicht durch die „nichtpsychische“ äußere Welt gestört wird. In jedem Fall würde diese Wahrheit die Qualität alles Wissens aufwiegen, das durch die Erforschung des Äußeren erworben werden kann.
Wir im Westen glauben, dass eine Wahrheit nur überzeugend ist, wenn sie durch äußere Tatsachen beweisbar ist. Wir glauben an die Objektivität von genauesten Beobachtungen und Erforschung der Natur. Unsere Wahrheit muss mit den Reaktionen der wahrnehmbaren Welt übereinstimmen, sonst ist sie nur subjektiv. Wie der Osten seinen Blick vom Tanz der prakrti (Physis) und den vielen Scheinformen der maya abwendet, so scheut der Westen das Unbewusste und seine in ihm vermuteten nichtigen Phantasien. Die introvertierte Haltung des Ostens scheint aber kein Hindernis zu sein, mit der äußeren Welt umzugehen, und auch der Westen hat trotz seiner Extraversion die Fähigkeit auf die Eigenschaften der Psyche einzugehen. Ebenso sind Naturwissenschaft und moderne Technik nicht alleine dem Westen vorbehalten. Dem Osten ist es spielend gelungen ein respektables Äquivalent zu unseren Errungenschaften hervorzubringen. Gleiches können wir in Bezug auf geistige Übungen und geistige Einsicht für den Westen nicht in Anspruch nehmen. Hier gibt es einen beträchtlichen Unterschied. Von unserem geistigen Niveau direkt mit östlichen Yogaübungen anzufangen ist wenig ratsam. Die Resultate und Erkenntnisse, die aus ihnen gewonnen werden sollen, sind nicht auf dem Weg der Imitation zu erlangen. In unserer Zeit begegnen sich zwei gegensätzliche Welten mit unterschiedlichen Traditionen. Der Osten ist derzeit mit einem Anpassungsprozess an den Westen beschäftigt und ist bereit seine bisherigen Werte in Frage zu stellen. Was uns betrifft, scheint die Schwierigkeit eher psychologischer Natur zu sein. Wir kleben zu sehr an Ideologien und leben in einem spannungsgeladenen Kontrast zu ihnen. Von diesem Standpunkt aus ist die Behauptung, der Mensch trage die Möglichkeit zur eigenen Erlösung in sich, offene Blasphemie. Dabei wird die Position Gottes häufig von Ersatzgöttern, dem Geld, den Statussymbolen eingenommen. Nichts aus unserer Sozialisation unterstützt die Idee von der selbstbefreienden Kraft des Geistes. Da wir nicht wissen wie wir uns von diesen Göttern, die unserer Vernunft zweifelhafte Werte diktieren, befreien sollen, kleben wir an ihnen.
In jüngerer Zeit gibt es allerdings Bewegungen die sich mit den Unbewussten Prozessen beschäftigen und festgestellt haben, dass sich in diesem UnterBewusstsein ein kompensatorischer Akt abspielt, der die Mängel und Verworrenheit der bewussten Einstellung betrifft. Bei den angewandten analytischen Techniken ist man bemüht die Funktionen des Unter-Bewusstseins bewusst zu machen und damit eine Veränderung in der bewussten Einstellung zu bewirken. Dadurch wird ein neues Bewusstseinsniveau erreicht und da die weitere Betrachtung der Unbewussten Vorgänge immer neue Erkenntnisse hervorbringt, können wir dies eine Methode zu geistigen Evolution nennen. Die Methode kann jedoch den eigentlichen Prozeß der Unbewussten Kompensation nicht hervorbringen, dieser hängt ganz von den Dispositionen der Unbewussten Psyche und der in ihr herrschenden Gesetzmäßigkeiten ab. Dennoch, der unbewusste Prozess erreicht das Bewusstsein fast nie ohne technische Hilfe geistiger Übungen. Wenn er an die Oberfläche gebracht wird, offenbart er Inhalte, die einen auffallenden Gegensatz zur allgemeinen Richtung der bewussten Gedanken und Gefühle bilden. Das zeigt deren kompensatorische Aufgabe, den diesen Effekt sollen sie haben. Die Erscheinung enthält Konfliktstoff, da die bewusste Einstellung der Konfrontation von scheinbar inkompatiblen und abweichenden Informationen Widerstand entgegensetzt. Wenn man Berichte von derartigen Sitzungen anschaut, sieht man die erstaunlichsten Beispiele solcher Gedankenmuster von gänzlich fremden und unannehmbaren Denkinhalten. Es sind häufig die selben Bilder, die man in der Mythologie und bei anderen archaischen Gedankenformen findet. Unter normalen Bedingungen regt jeder Konflikt die Psyche zu einem kompensatorischen Akt an, ähnlich der Homeöostase gewisser Körperfunktionen, damit ein seelisches Gleichgewicht erhalten bleibt. Gewöhnlich entscheidet beim Ungeübten das UnterBewusstsein den jeweiligen Standpunkt. Diese Entscheidung wird vom Bewusstsein angenommen als sei es eine bewusste vorurteilsfreie Entscheidung. Anders verhält es sich, wenn in der Anwendung einer gewissen Methode der kompensatorische Akt bewusst gemacht und der Konflikt ausgetragen wird. In der hier beschriebenen Methode ist vorgegeben, dass die scheinbar inkompatiblen, kontroversen Denkinhalte des Unbewussten nicht wieder verdrängt werden dürfen, sondern, dass der Konflikt angenommen und konfrontiert werden soll. In dem Moment, in dem dieser Denkinhalt die Bewusstseinsschwelle durchbricht erscheint keine Lösung möglich, trotzdem wird das gewonnene Bild zweier Gegensätze dem Bewusstsein vorgeführt. Dem Übenden wird aufgetragen seine Affinitäten zu prüfen, in dem von ihm verlangt wird, Situationen zu erinnern, die als Bezugsrahmen dieser Denkinhalte zu erkennen sind. Hierbei wird das immer wieder gleiche Konzept der automatischen Kompensation erkannt. Das Bewusstsein wird so mit einem neuen Aspekt der Psyche konfrontiert, womit der dynamische Faktor der Wiederholung erkannt wird. Eine neue Konfrontationsstufe taucht in der Frage auf, nämlich wie und in was das erkannte Denkmuster zu modifizieren ist, um zukünftigen ähnlichen Ereignissen zu begegnen. Auch das können wir, ähnlich wie bei den geistigen Übungen des Ostens, eine Lenkung von Energie, oder sogar Änderung von komplexen realitätsbildenden Vorstellungen nennen. Dieser Vorgang wird fortgesetzt, bis der ursprüngliche Konflikt in befriedigender Weise modifiziert wurde. Es ist zugleich ein Prozess und eine Methode. Die Produktion von Unbewussten Kompensationen ist ein spontaner Prozess; die bewusste Realisierung ist eine Methode mit transzendierender Funktion. Die Funktion wird transzendent genannt, weil sie den Übergang von einer seelischen Verfassung in eine andere, durch wechselseitige Konfrontation von Gegensätzen ermöglicht. Diese Beschreibung skizziert die transzendente Funktion nur, aber ich musste auf diese Methode aufmerksam machen, weil sie den Weg aufzeigt, auf dem wir zu jener Art von östlichem Geist Zugang finden, auf den sich unser Text bezieht. Es ist der bild-erschaffende Geist gemeint, die Matrix aller Grundformen die der bewussten Wahrnehmung ihren besonderen Charakter geben. Diese Formen sind der Unbewussten Psyche eigen; sie sind ihre strukturellen Elemente und nur durch sie kann erklärt werden, warum mythologische Motive mehr oder weniger überall erscheinen, sogar dort, wo Migration als Übertragungsweg sehr unwahrscheinlich ist. Träume, Phantasien und Psychosen bringen Bilder hervor, die allem Anschein nach identisch sind mit mythologischen Motiven, von denen die betreffenden Menschen keinerlei Kenntnis hatten, nicht einmal indirekte Kenntnis durch Redewendungen oder durch die symbolische Sprache der Bibel. Viele Menschen finden solche Behauptungen unglaubhaft, aber entweder kennen sie die rudimentäre Psychologie nicht oder sie wissen nichts von den Resultaten psychologischer Forschungen. Ohne Zweifel weist die Psychologie des Unbewussten das Vorhandensein von archaischen Material nach. Was auch immer die Struktur des Unbewussten sein mag, soviel, ist sicher: es enthält eine große Anzahl von Motiven oder Formen von archaischem Charakter, die im Prinzip identisch sind mit den Grundideen der Mythologie und ähnlichen Gedankenformen.
Weil das Unbewusste die geistige Matrix ist, haftet ihm die Qualität des Schöpferischen an, es ist der Geburtsort von Gedankenmustern, so wie unser Vergleich es von dem universalen Geist annimmt. Da wir dem UnterBewusstsein keine bestimmte Form zuschreiben können, scheint die östliche Behauptung, dass der All – Geist ohne Form, arupaloka, und doch der Entstehungsort aller Formen sei, gerechtfertigt. Da die Inhalte des Unbewussten zu keiner bestimmten Zeit gehören, also scheinbar ewig sind, geben sie ein eigenartiges Gefühl von Zeitlosigkeit, wenn sie bewusst realisiert werden. Wir finden ähnliche Feststellungen in nahezu allen Kulturen bestätigt. So bedeutet das australische Wort „aljira“ z. B. zugleich „Traum“ und „Geisterland“ und die „Zeit“, in welcher die Vorfahren lebten und immer noch leben. Es ist, wie die Ureinwohner sagen, die „Zeit als noch keine Zeit war“. Dies sieht aus wie eine Offensichtliche Konkretisierung und Projektion des Unbewussten mit den ihm charakteristischen Qualitäten, seinen Traummanifestationen, seinen urtümlichen Gedankenformen und seiner Zeitlosigkeit. Eine introvertierte Einstellung, bei welcher die Betonung nicht auf der äußeren Welt (der Welt des Bewusstseins), sondern auf dem subjektiven Faktor (dem Hintergrund des Bewusstseins) liegt, ruft daher notwendigerweise die charakteristischen Manifestationen des Unbewussten hervor, nämlich archaische Gedankenformen und bringt zudem „historische Gefühle von Unbestimmtheit, Zeitlosigkeit und Einheit hervor. Das besondere Gefühl von Einheit ist eine typische Erfahrung bei allen Formen von Mystik und kommt von der allgemeinen Verknüpfung der Denkinhalte, die sich mit der Abschwächung des Bewusstseins verstärkt. Die fast unbeschränkte Vermischung von Bildern in Träumen, wie auch in den Produkten des Denkens, zeigen deren Unbewussten Ursprung. Im Gegensatz zu der klaren Unterscheidung und Differenzierung der Formen im Bewusstsein, sind die Unbewussten Inhalte äußerst unbestimmt und vermischen sich daher leicht. Wenn wir versuchten, uns einen Zustand vorzustellen, in welchem nichts deutlich ist, würden wir sicherlich das Ganze als Eines empfinden und die Trennung der Dinge nach Sinn und Zweck aufgeben. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die eigenartige Empfindung von Einheit von dem unterschwelligen Wissen um den All- Zusammenhang im Unbewussten herrührt. Durch die Anwendung der Methode zur transzendenten Funktion gewinnen wir nicht nur Zugang zum „Einen Geist“, wir lernen auch verstehen, warum der Osten an die Möglichkeit der Selbstbefreiung glaubt.
Wenn es einem durch Introspektion und bewusste Realisierung von Unbewussten Kompensationen möglich wird, den psychischen Zustand umzugestalten und so die Lösungen von schmerzlichen Konflikten zu erreichen, scheint man berechtigt von „Selbstbefreiung“ zu sprechen. Trotz dieser Aussicht ist die Selbstbefreiung nicht ohne weiteres zu realisieren, denn wir können diese Unbewussten Kompensationen nicht alleine mit einem Willensakt an die Oberfläche der direkten Wahrnehmung bringen. Dem kritischen Verstand erscheint es auch unbefriedigend den Dualismus aus den polaren Denkmustern, dem Charakter der Kompensationen, als Entscheidungsbasis anzunehmen. Die östliche Philosophie gibt auf diesen höchst wichtigen Faktor der Polarität einige Symbolische Hinweise. Sie sagt, dass ein Optimum mit einer Entwicklung auf dem Weg der Mitte, oberhalb dieser polaren Gegensätzen zu erreichen sei. Sie sagt zudem, dass die Modifikationen dieser „Anhaftungen“ entweder in einem tugendhaften Ideal oder in der Erkenntnis eines formlosen, d. h. raum- und zeitlosen, Zustandes formuliert werden sollen. Die westliche Psyche hat von diesem Themenkomplex nur noch eine Ahnung, so etwas wie ein intuitives Wissen, von der Abhängigkeit des Menschen von einer dunklen Macht, die mitwirken muss, wenn alles gutgehen soll. Wenn dieser unbewusste Teil unseres Selbstes nicht mehr zu seiner Zufriedenheit mitwirkt, befindet er sich sofort in einer großen Verlegenheit und kann selbst die gewöhnlichsten Tätigkeiten nicht mehr erledigen. Ob es sich dabei um ein Versagen des Gedächtnisses, des koordinierten Handelns, des Interesses und der Konzentration handelt, ein solches Versagen kann die Ursache von ernstlichen Unannehmlichkeiten oder möglicherweise zu einem schweren Unfall sein. Es kann zu einem beruflichen oder moralischen Zusammenbruch führen. In früheren Zeiten nannten die Menschen dann die Götter ungnädig, heute nennen wir es eine Neurose. Den Grund suchen wir im Vitaminmangel, in endokrinen oder sexuellen Störungen oder in der Überarbeitung. Wenn die Mitarbeit des Unbewussten, über die wir nichts oder zu wenig wissen, plötzlich aussetzt, haben wir im Westen ein Ernsthaftes Problem, da wir keine Methode gelernt haben, um mit einer derartigen Situation umzugehen und keine Antwort mehr auf diese Situation geben können.
Hier zeigt sich eine Schwäche. Es scheint als ob der westliche Mensch seiner Schwäche durch seine Extraversion zu entfliehen versucht. Diese Extraversion geht Hand in Hand mit dem Misstrauen dem unbeherrschten, inneren Menschen gegenüber, wenn man sich seiner überhaupt auf irgend eine Weise bewusst ist. Wir neigen dazu die Dinge die wir nicht kennen zu fürchten und sie in einer Verharmlosung zu unterschätzen. In gewisser Weise ist diese Extraversion gerechtfertigt durch die wesentliche Tatsache, dass die unbewusste Kompensation jenseits der menschlichen Kontrolle liegt. Der Yoga hingegen rühmt sich, sogar die Unbewussten Prozesse kontrollieren zu können, so dass in der Psyche als Ganzes nichts vorgehen kann, was nicht durch ein geübtes Bewusstsein gelenkt wird. Nach meinen Erfahrungen ist ein solcher Zustand möglich. Aber er ist nur unter einer Bedingung möglich: man muss den Zugang zum Unbewussten gelernt haben und den bewussten Prozess zur Kompensation an jedem Ort zu jedem Zeitpunkt selbständig ausführen können. Das ist Selbstüberwindung und ein identisch werden mit dem Unbewussten. Diese Identität ist das östliche Äquivalent, der maschinenmäßigen Ausrichtung auf ein Ziel, eine Idee oder Sache, selbst auf die Gefahr hin, dass jede Spur von innerem Leben verloren geht. Für den östlichen Standpunkt ist diese absolute Objektivität erschreckend, denn sie ist gleichbedeutend mit vollständiger Identität mit dem Sangsara; für den Westen hingegen ist Samadhi nichts als ein bedeutungsloser Traumzustand. Im Osten hat der innere Mensch immer solche Macht über den äußeren Menschen gehabt, so dass die Welt nie die Möglichkeit hatte, ihn von seinen inneren Wurzeln loszureißen; aber im Westen trat der äußere Mensch so sehr in den Vordergrund, dass er sich seinem innersten Wesen entfremdet hat. Der eine Geist, Einheit, Unbestimmbarkeit und Ewigkeit blieben dem einen Gotte vorbehalten. Der Mensch wurde klein, nichtig und war grundsätzlich im Unrecht.
Es dürfte klar aus meinen Ausführungen hervorgehen, dass jeder dieser Standpunkte, obwohl sie im Widerspruch zueinander stehen, seine Berechtigung hat. Beide sind einseitig, indem sie versäumen, jene Faktoren, die nicht zu ihrer typischen Einstellung passen, zu sehen und zu berücksichtigen. Der eine unterschätzt die Welt der Bewusstheit, der andere die Welt des einen Geistes. Das Resultat ist, dass in ihrer extremen Haltung beide eine Hälfte des Universums verlieren; ihr Leben ist von der totalen Wirklichkeit abgeschnitten und wird leicht künstlich und unmenschlich. Im Westen haben wir die Manie der „Objektivität“, die asketische Einstellung des Wissenschaftlers oder die Einstellung des Börsenmaklers, der die Schönheit und Universalität des Lebens für ein mehr oder weniger ideales Ziel wegwirft. Im Osten sind es Weisheit, Friede, Losgelöstheit und Unbewegtheit einer Psyche, die zu ihrem dunklen Ursprung zurückgekehrt ist, und allen Kummer und alle Freude des Lebens, wie es ist und wahrscheinlich auch sein soll, hinter sich gelassen hat. Es ist kein Wunder, dass diese Einseitigkeit in beiden Fällen sehr ähnliche Formen des Mönchtums hervorbringt; sie garantiert dem Eremiten, dem heiligen Mann, dem Mönch oder dem Wissenschaftler ungestörte Konzentration auf sein Ziel. Ich habe nichts gegen diese Einseitigkeit als solche. Der Mensch, das große Experiment der Natur oder sein eigenes großes Experiment, ist offensichtlich zu derartigen Unternehmungen berechtigt – wenn er sie ertragen kann. Ohne Einseitigkeit könnte sich der menschliche Geist nicht in seiner Differenziertheit entwickeln. Aber es kann wohl nicht schaden, wenn man versucht, beide Seiten zu verstehen.
Die extrovertierte Tendenz des Westens und die introvertierte Tendenz des Ostens haben einen wichtigen gemeinsamen Zweck; beide machen große Anstrengungen, die bloße Naturhaftigkeit des Lebens zu besiegen. Es ist die Behauptung des Geistes (Mind) über die Materie, der Geist versucht die physikalische Bedingtheit des Materiellen zu überwinden. Dieser im Kampf geführte Versuch ist ein Zeichen dafür, wie jung dies Entwicklung in dem Menschen ist, der sich noch daran ergötzt, das mächtigste von der Natur je erfundene, den bewussten Geist, als Waffe zu gebrauchen. Der Nachmittag dieser Entwicklung, der in einer über Generationen gehenden fernen Zukunft liegt, kann immer noch ein anderes Ideal mit sich bringen. Mit der Zeit wird man vielleicht nicht einmal mehr von geistigen Errungenschaften träumen.
Bevor ich nun weiterhin Lehrinhalte der tibetischen Buddhisten kommentiere, möchte ich auf den wesentlichen Unterschied zwischen dem Charakter einer psychologisch – philosophischen Dissertation und dem von Belehrungen in Bezug auf einen Erlösungsweg aufmerksam machen. Bei einer wissenschaftlichen Betrachtung vergißt man nur allzu leicht, dass eine objektive Behandlung eines Stoffes dessen emotionellen Werte möglicherweise in unverzeihlichem Ausmaß verletzt. Der wissenschaftliche Intellekt ist unmenschlich und kann es sich nicht leisten, anders zu sein; er kann nicht vermeiden, rücksichtslos zu sein, obwohl die Absicht gut ist. Der kritische Verstand, der sich mit den als heilig geltenden Inhalten und Praktiken beschäftigt, sollte sich darüber bewusst sein, dass dieser Stoff einen unschätzbaren religiösen und philosophischen Wert repräsentiert, der nicht durch profane Vergleiche entweiht werden sollte. Ich gestehe, dass ich selber das Wagnis, einen solchen Stoff zu behandeln, auch nur unternehme, weil ich dessen Wert kenne und schätze. Ich habe nicht die geringste Absicht, in dieser Abhandlung, den Stoff durch plumpe Kritik zu zergliedern. Ich bemühe mich im Gegenteil seine Symbolische Sprache zu verdeutlichen, damit er unserem westlichen Verständnis zugänglich wird. Zu diesem Zweck müssen wir die erhabenen metaphysischen Begriffe auf ein Niveau bringen, von dem aus man sehen kann, ob irgendwelche uns bekannten Tatsachen in der Sphäre des östlichen Denkens Parallelen haben oder sich wenigstens annähern. Ich hoffe, dass dies nicht als Versuch, herabzumindern oder zu banalisieren, missverstanden wird; meine Absicht ist nur, die Ideen, die unserer Denkungsart fremd sind, in den Bereich der westlichen psychologischen Erfahrung zu bringen.
Die nun folgenden Darstellungen wurden aus Notizen und Kommentaren gewonnen, die während sog. Belehrungen gewonnen wurden, denen die entsprechende Praxis folgte. Zum tieferen Verständnis empfehle ich weitergehende Betrachtungen anzustellen, um die so gemachten Erkenntnisse in den Bezugsrahmen des eigenen Wertesystems einzufügen.
Die Ehrerbietung
Östliche Texte und Belehrungen beginnen gewöhnlich mit einer Feststellung, die in westlichen Schriften am Ende käme als die Krönung einer langen Beweisführung. Wir beginnen eher mit allgemeinen bekannten akzeptierten Dingen und enden mit dem wichtigsten Ziel unserer Untersuchung. Deshalb würde unsere Arbeit mit dem folgenden Satz enden: Daher ist der Tri- Kaya der all – erleuchtete Geist selber.“ In dieser Hinsicht unterscheidet sich die östliche nicht sehr von unserer mittelalterlichen Mentalität. Noch bis ins 18. Jahrhundert begannen unsere historischen und naturwissenschaftlichen Bücher mit dem Entschluss Gottes, eine Welt zu schaffen. Die Idee vom All- Geist ist im Osten weit verbreitet, da sie das introvertierte, östliche Temperament sehr passend ausdrückt. In die Sprache der Psychologen übersetzt, könnte der obige Satz folgendermaßen umschrieben werden: das Unbewusste ist die Wurzel aller Erfahrungen von Einheit (dharma – kaya), es ist die Matrix aller archetypischen oder strukturellen Formen (sambhoga – kaya) und das was die Konditionen der Welt der Erscheinungen bedingt (nirmana – kaya).
Für den Osten sind die Götter archetypische Gedankenformen, die zum sambhoga – kaya gehören. Ihre friedlichen und zornigen Aspekte, die in den Meditationen des Tibetanischen Totenbuches eine große Rolle spielen, symbolisieren die Gegensätze. Im nirmana – kaya sind diese Gegensätze nichts weiter als menschliche Konflikte, aber im sambhoga – kaya bedeuten sie die positiven und negativen Prinzipien, vereint in ein und der selben Figur. Dies entspricht auch der Aussage, wie sie in Lao-Tse’s „Tao Te Ching“ formuliert ist, dass es nämlich keine Position ohne ihre Negation gibt. Wo Glaube ist, ist auch Zweifel; wo Zweifel ist, ist auch Gläubigkeit; wo Sittlichkeit ist, ist auch Versuchung. Nur Heilige haben Teufelsvisionen, und Tyrannen sind Sklaven ihrer Kammerdiener. Wenn wir unseren eigenen Charakter sorgfältig prüfen, werden wir unweigerlich finden, dass „Hoch auf Niedrig“ steht, wie Lao-Tse sagt. Das will heißen, dass die Gegensätze einander bedingen und dass sie eigentlich ein und dasselbe sind. Das sieht man bei Menschen mit einem Minderwertigkeitskomplex: sie hegen irgendwo noch einen kleinen Größenwahn. Die Tatsache, dass die Gegensätze als Götter erscheinen, kommt von der einfachen Erkenntnis, dass sie sehr mächtig sind. Die chinesische Philosophie erklärte daher, es seien kosmische Prinzipien und nannte sie Yang und Yin. Je mehr man die Gegensätze trennen will, um so größer wird ihre Macht; wenn ein Baum in den Himmel wächst, reichen seine Wurzeln bis in die Hölle hinunter, sagt Nitsche. Aber es ist oben und unten der selbe Baum.
Für unsere westliche Mentalität ist es charakteristisch, dass wir die zwei Aspekte in antagonistische Personifikationen trennen: Gott und Teufel. Und es ist gleicherweise charakteristisch für den fröhlichen Optimismus der Protestanten, dass der Teufel taktvollerweise vertuscht wird, auf alle Fälle in der jüngsten Vergangenheit.
Das „Sehen der Wirklichkeit“ bezieht sich deutlich auf den Geist als höchste Realität. Im Westen wird das Unbewusste (noch allgemein) als eine phantastische Irrealität betrachtet. Das „Sehen des Geistes“ schließt Selbstbefreiung ein. Psychologisch gesprochen heißt dies, dass je mehr Gewicht wir dem Prozess zumessen, wir uns um so mehr lösen aus der Welt der Begehrlichkeit und der getrennten Gegensätzen, und um so mehr nähern wir uns dem Zustand der Unbewusstheit, welcher durch Einheit, Unbestimmtheit, Zeitlosigkeit charakterisiert ist. Das ist wahrlich eine Befreiung des Selbst von seiner Verstrickung in Leiden und Kämpfe. „Durch diese Methode versteht man seinen Geist. „Geist heißt hier offensichtlich der Geist des Individuums, seiner Psyche. Die Psychologie stimmt damit überein, insofern als das Verständnis des Unbewussten eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist.
Begrüßung des einen Geistes
Diese Betrachtungen zeigen deutlich, dass mit dem „Einen Geist“ das Unbewusste gemeint ist, das als „ewig, unbekannt, nicht sichtbar, nicht erkannt“ charakterisiert wird. Aber sie offenbaren auch positive Züge, die in Übereinstimmung mit der östlichen Erfahrung sind. Es sind dies die Attribute „immer klar, immer seiend, strahlend und unverdunkelt“. Je mehr man sich auf seine Unbewussten Inhalte konzentriert, desto energiegeladener werden sie, dies ist eine unbestreitbare Tatsache; sie werden belebt, wie von innen her beleuchtet. Sie verwandeln sich in eine Art von Ersatzrealität. Die analytische Psychologie macht Gebrauch von diesem Phänomen. Gustav Jung nennt diese Methode „aktive Imagination“. Ignatius von Loyola hat in seinen „Exerzitien“ ebenfalls aktive Imagination angewandt. Es gibt auch Beweise dafür, dass in den Meditationen der alchemistischen Philosophie etwas Ähnliches in Anwendung gebracht wurde.
Das Resultat des Nichterkennens des „Einen Geistes“
Die Bemerkung „Wissen um das, was gewöhnlich Geist genannt wird, ist weit verbreitet“. Das bezieht sich deutlich auf den bewussten Geist des Menschen, im Gegensatz zu dem Einen Geist, welcher unbekannt, d.h. unbewusst ist. Weiterhin heißt es „Diese Lehren werden von gewöhnlichen Menschen gesucht werden, die, da sie den Einen Geist nicht kennen, sich selber nicht kennen“. Selbsterkenntnis wird hier eindeutig mit der „Kenntnis des Einen Geistes“ identifiziert, was bedeutet, dass das Wissen vom Unbewussten notwendig ist, um die eigene Psyche zu verstehen. Das Bedürfnis nach solchem Wissen ist eine wohlbekannte Tatsache im Westen, was durch die Entwicklung der Psychologie in unserer Zeit und das wachsende Interesse an diesen Dingen erwiesen ist. Das allgemeine Bedürfnis nach vermehrten geistigen Wissen entsteht hauptsächlich aus dem leiden, das durch die Missachtung der Religion und durch den Mangel an geistiger Führung verursacht wird.
Geschrieben steht „Sie wandern hierhin und dorthin, in den drei Regionen…. Gram erleidend.“ Da wir wissen, wie stark psychische Leiden sein können, braucht dieser Ausdruck keinen Kommentar. Dieser Abschnitt formuliert die Gründe, warum wir heutzutage eine Psychologie des Unbewussten haben. Sogar wenn man sich wünscht, „den Geist zu erkennen, so wie er ist, gelingt es nicht“ Diese Aussage betont wie schwer es ist, Zugang zu den Grundlagen des Geistes zu finden, weil sie unbewusst sind.
Die Ergebnisse der Wünsche
Die „durch Begierden Gefesselten können das klare Licht nicht wahrnehmen“. Das „klare Licht“ bezieht sich wieder auf den einen Geist. Wünsche ersehnen äußerliche Erfüllung. Sie schmieden die Kette, die den Menschen an die bewusste Welt fesselt. In diesem Zustand kann er natürlich seine Unbewussten Inhalte nicht wahrnehmen. Und das methodische Sich – Zurückziehen von der bewussten Welt hat tatsächlich heilende Kraft, da dann in einem Akt der Introspektion die Unbewussten Konditionen auf Konfliktstoff untersucht werden und durch eine bewusste Modifikation kompensiert werden kann. Von einem gewissen Punkt an, der von Individuum zu Individuum variieren kann, ist dieser Rückzug als Vernachlässigung und Verdrängung zu werten. Dann wirkt sogar der „mittlere Weg“ als „Verdunkelung durch Begierden“. Diese Feststellung hat besonders für unsere westlichen Ohren eine besondere Bedeutung, vor allem dann, wenn nur Teilaspekte, die eben gerade angenehm sind, akzeptiert werden. Wenn westliche Menschen mit ihrem Unbewussten Material konfrontiert werden, kommt es vor, dass sie sich mit derselben hemmungslosen Begierde und Gier in diese Aufgabe werfen, mit der sie sich vorher in die Extraversion gestürzt haben. Das Problem ist nicht so sehr die Zurückhaltung von den Wunschobjekten, als eine losgelöste Haltung zu dem Wunsch als solchem, gleichgültig, was für ein Objekt er hat. Wir können die unbewusste Kompensation nicht erzwingen durch die Heftigkeit unkontrollierter Wünsche. Wir müssen geduldig die Reife unserer Modifikationen auf ihre Weisheit überprüfen lernen, um nicht neue Fixierungen zu schaffen. Eine einmal gefällte Entscheidung für eine spezifische Modifikation stellt so nur ein Entwicklungszustand dar der bei höherer Erkenntnis wiederum modifiziert wird. So finden wir zu einer kontemplativen Haltung, die für sich eine befreiende und heilende Wirkung hat.

Die Transzendente Vereinigung
„Weil es keine Zweiheit gibt, ist der Pluralismus unwahr“. Dies ist eine der fundamentalsten Wahrheiten des Ostens. Es gibt keine Gegensätze – es ist oben und unten der selbe Baum. Reiner Pluralismus ist noch illusorischer, da alle einzelnen Formen, aus der ununterscheidbaren Einheit der psychischen Matrix, tief unten im Unbewussten stammen. Diese Anschauung bezieht sich psychologisch gesprochen auf den subjektiven Faktor, auf die Bewusstseinsvorgänge, die durch einen Reiz unmittelbar konstelliert werden, d. h. den ersten Eindruck, der jede neue Wahrnehmung im Sinne früherer Erfahrung interpretiert. „Frühere Erfahrung“ geht zurück bis zu den Instinkten und so zu den ererbten und inhärenten Formen des psychischen Verhaltens, den „ewigen“ Gesetzen des menschlichen Geistes. Diese Anschauung ignoriert gänzlich die mögliche transzendente Wirklichkeit der physischen Welt als solcher, ein Problem, das der Sankhya – Philosophie nicht unbekannt ist, wo prakrti und purusha – insofern sie eine Polarisation des Allwesens sind – einen kosmischen Dualismus bilden, der schwerlich umgangen werden kann. Wenn man versucht, sich mit dem monistischen Ursprung des Lebens zu identifizieren, muss man seine Augen vor dem Dualismus und Pluralismus als höhere Realität gleichermaßen verschließen und die Existenz einer Welt vergessen. Die Frage erhebt sich natürlich: Warum sollte das Eine als die Vielen erscheinen, wenn letzte Wirklichkeit eine All – Einheit ist? Was ist die Ursache des Pluralismus oder der Illusion des Pluralismus? Wenn das Eine Gefallen an sich findet, warum sollte es sich in den Vielen spiegeln? Was ist wirklicher, das Eine, das sich spiegelt oder der Spiegel, der zum erkennen gebraucht wird? Wahrscheinlich sollten wir solche Fragen nicht stellen, da es doch keine Antwort darauf geben kann. Es ist korrekt zu sagen, dass Einswerdung erreicht wird, indem man die Außenwelt konfliktfrei mit den Möglichkeiten des Unbewussten stellt. In der Stratosphäre des Gesamtbewusstseins gibt es keine Gewitter Stürme mehr, weil nichts mehr in Opposition zueinander steht und differenziert genug ist, um Spannungen und Konflikte hervorzurufen. Diese gehören zur Oberfläche unserer selbstgeschaffenen Wirklichkeit.
Der Geist in dem die eigentlich Unvereinbaren – sangsara und nirvana – vereint werden, ist letztlich unser Geist. Kommt diese Feststellung aus tiefer Bescheidenheit oder aus der Vermessenheit der Schöpfung gegenüber? Bedeutet das, dass der Geist „nichts als“ unser Geist ist, oder dass unser Geist der Geist ist? Sicherlich bedeutet es das Letztere und vom östlichen Standpunkt aus, liegt darin keine Vermessenheit. Im Gegenteil, es ist eine absolut annehmbare Wahrheit, während es bei uns auf dasselbe herauskommt, wie wenn wir sagen würden: „Ich bin Gott.“ Dies ist eine unbestreitbare „mystische“ Erfahrung, obgleich sie dem westlichen Menschen als sehr anfechtbar erscheint, da Gott etwas außerhalb von ihm existierendes ist. Wir könnten es auch als ein Identifikationsproblem verstehen. Wie kann Ich zu etwas werden, in etwas aufgehen, mit etwas verschmelzen, dass ich nicht sein kann? Wenn wir das sind, womit wir uns identifiziert haben oder können, ist uns die Möglichkeit, so zu sein wie Jesus, genommen, weil wir es als Frevel ansehen würden, so zu sein wir er. Im Osten, wo dieses Problem nicht existiert und der nie den Zusammenhang mit der instinktiven Grundlage verloren hat, wird dieses Thema ganz anders bewertet. Die kollektive introvertierte Einstellung, des Ostens hat der Sinnenwelt nicht gestattet, die vitale Verbindung mit dem Unbewussten zu unterbrechen; psychische Wirklichkeit wurde nie ernstlich angefochten trotz der Existenz von sogenannten materialistischen Spekulationen. Die einzig bekannte Analogie zu dieser Tatsache ist der Geisteszustand des Primitiven, der Traum und Wirklichkeit in der erstaunlichsten Art vermischt. Wir zögern natürlich die östliche Mentalität primitiv zu nennen, sind wir doch tief beeindruckt von ihrer bemerkenswerten Zivilisiertheit und Differenziertheit. Und doch beruht sie auf dem primitiven Geist; dies ist besonders wahr in Bezug auf jenen Aspekt, der die Gültigkeit von psychischen Phänomenen wie Geister und Gespenster betont. Der Westen hat einfach den anderen Aspekt der Primitivität kultiviert, nämlich die äußerst genaue Beobachtung der Natur auf Kosten der Abstraktion. Unsere Naturwissenschaft hat sich aus der erstaunlichen Beobachtungsgabe des primitiven Menschen entwickelt. Wir haben nur wenig Abstraktion beigefügt, aus Furcht, dass die Tatsachen uns widersprechen würden. Der Osten andererseits kultiviert den Aspekt der Primitivität zusammen mit einem übermäßigen Anteil von Abstraktion. Tatsachen liefern ausgezeichnete Geschichten, aber nicht viel mehr. Wenn also der Osten aussagt, dass der Geist jedem Menschen innewohne, ist dabei nicht mehr Vermessenheit oder Bescheidenheit als dem europäischen Glauben an Tatsachen, die hergeleitet werden von der menschlichen Beobachtung und manchmal auch nur von seiner Interpretation. Mit Recht fürchtet er daher zu viel Abstraktion.

Die große Selbstbefreiung
Im vorangegangenen Textteil wurde deutlich hervorgehoben, dass eine Verschiebung des Persönlichkeitsgefühls, der Ich-Identifikation, aus dem zentralen Punkt aller Betrachtung, in den Bereich einer vermittelnden Kategorie, eine befreiende Wirkung haben kann. Ich habe auch kurz die transzendente Funktion beschrieben, welche die Umwandlung der Persönlichkeit hervorbringt, und ich habe die Möglichkeiten die in einer bewussten, methodischen Kompensation, zur Realisation eines höheren Bewusstseins, enthalten sind, angeschnitten. Weiter habe ich hingewiesen auf die Gefahren, die aus den Missverständnissen gegenüber einer westlich verstandenen Jogapraxis hervorgehen können. Dieser Abschnitt scheint meine Beobachtungen zu bestärken. Das Erfassen des „ganzen Wesens“ dieser Lehren scheint auch das ganze Wesen der „Selbstbefreiung“ zu sein. Der westliche Mensch würde das in diesem Sinne auffassen: „Lerne deine Aufgabe und wiederhole sie, und dann wirst du dich selbst befreien“. Gerade das geschieht meistens bei Europäern, welche den Yoga zu üben versuchen. Sie neigen dazu es in einer extrovertierten Art zu „tun“, und sie vergessen ganz, ihren Geist nach innen zu wenden, was ja das Wesentliche an solchen Lehren ist. Im Osten sind die Wahrheiten so sehr Teil des kollektiven Bewusstseins, dass sie vom Schüler zum mindesten intuitiv erfasst werden. Wenn der Europäer sein Inneres nach außen wenden und als Orientale leben könnte, mit all den sozialen, moralischen, religiösen, intellektuellen und ästhetischen Verpflichtungen, die ein solcher Weg mit sich bringen würde, dann könnte er möglicherweise Nutzen ziehen aus diesen Lehren; aber es ist nicht möglich ein guter Christ zu sein, im dogmatischen Glauben, in der Moral und im intellektuellen Gehabe, und zugleich ehrlich Yoga zu praktizieren. Ich habe zu viel Fälle gesehen, die mich im höchsten Maße skeptisch machen. Oft soll ein Volkshochschulen Yoga als Ersatz für Therapie herhalten. Der westliche Mensch ist nämlich nicht imstande seine Geschichte so leicht los zu werden, wie sein kurzbeiniges Gedächtnis dies kann. Er hat die Geschichte sozusagen im Blut. Ich möchte niemanden raten, sich mit Yoga zu befassen, ohne sorgfältige Analyse seiner Unbewussten Reaktionen. Welchen Sinn hat es Yoga zu imitieren, wenn der die dunkle Seite des Menschen ebenso mittelalterlich – christlich bleibt wie zuvor? Wenn es jemand fertig bringt, den Rest seines Lebens auf einem Gazellenfell unter einem Bo – Baum oder in der Zelle eines Gompa zuzubringen, ohne sich um Politik oder den Zusammenbruch seiner Sicherheiten zu kümmern, dann kann sein fall als günstig angesehen werden. Aber Yoga in Mayfair oder in der Fifth Avenue oder sonst einem Ort, der telefonisch erreicht werden kann, ist ein geistiger Betrug. Wenn wir die geistige Konstellation des östlichen Menschen in Betracht ziehen, können wir annehmen, dass bei ihm die Yoga-lehren wirksam sind. Aber wenn man nicht gewillt ist, sich von der Welt abzuwenden und für immer mit dem Unbewussten zu verschmelzen, haben bloß intellektuell aufgefasste Lehren keinen oder wenigstens nicht den gewünschten Effekt. Dafür ist die Vereinigung der Gegensätze nötig und speziell die schwierige Aufgabe, Extraversion und Introversion mittels der transzendenten Funktion zu verbinden.
Die Natur des Geistes
Diese Darstellung gibt uns wertvolle psychologische Informationen. Der Text sagt : „Der Geist besitzt intuitive (schnell erfassende) Weisheit“. Hier wird „Geist“ aufgefasst als unmittelbares Innewerden des „ersten Eindruckes“, der die ganze Summe der früheren auf instinktiven Grundlagen beruhende Erfahrung übermittelt. Dies bestätigt unsere Bemerkungen über das wesentlich introvertierte Vorurteil des Ostens. Die Formel lenkt die Aufmerksamkeit auch auf den höchst differenzierten Charakter der östlichen Intuition. Der intuitive Geist ist bekannt dafür, dass er die Tatsachen nicht beachtet, wohl aber die Möglichkeiten. Die Behauptung, dass der Geist „keine Existenz“ habe, bezieht sich offenbar auf die eigentümliche „Potentialität“ des Unbewussten. Eine Sache scheint nur insofern zu existieren, als wir ihrer bewusst sind, woraus erklärt werden kann, warum so viele Leute nicht geneigt sind, an die Existenz eines Unbewussten zu glauben. Wenn ich einem Menschen sage, er sei erfüllt von Phantasien, ist er oft über die Maßen erstaunt; er ist sich nämlich gar nicht bewusst, ein Phantasieleben geführt zu haben.
Die Namen welche dem Geist gegeben werden